Texte optimal gestalten - Teil 2

 

  Über die Resonanz auf meinen ersten Beitrag war ich etwas überrascht. Eigentlich war er nur als Füller gedacht, falls Werner und Richard mal der Stoff ausgehen sollte. (Aber damit ist ja in nächster Zeit glücklicherweise nicht zu rechnen.) Auf mehrfache Anregung will ich deshalb hiermit meinen letzten Beitrag fortsetzen und hoffe, daß er nicht allzu belehrend ausfällt.

Schriften
Hier mußunterschieden werden zwischen

  1. Schriftfamilien. "Standard", "Sans Serif" oder "Deco" sind je eine Schriftfamilie.
  2. Schriftgarnituren. Das sind die Größen einer Schrift, gemessen in Punkt, Point oder Millimeter.
  3. Schriftschnitten. Der Drucker eines Computers bzw. das Betriebssystem kennt von Haus aus folgende: gewöhnlich (Grundschrift), kursiv, fett, doppelte Breite. (Unterstrichen zählt eigentlich nicht hierzu, muß hier aber genannt werden.) Der Schriftsetzer und gute DTP-Programme kennen noch weitere: leicht, halbfett, dreiviertelfett, extrafett, schmalfett, breitfett ... Doppelrahmstufe ist mir noch nicht untergekommen.
Beispiel für die Benennung einer Schrift: Helvetica 8 Punkt gewöhnlich (Schriftfamilie, Schriftgarnitur, Schriftschnitt).

Auswahl der Schriftfamilie
  Die Schrift muß dem Text bzw. dem Werk angemessen sein. Für einen Geschäftsbericht, eine Bedienungsanleitung (oder eine Computerzeitung!) wird man kaum eine Schreibschrift verwenden. Solche Zierschriften haben durchaus ihre Berechtigung, aber nur dort, wo vertretbar. Jede Schrift hat ihren eigenen "Charakter", eine besondere Ausstrahlung von warm bis kalt, streng bis verspielt usw. Schriftschöpfer könnten Bücher darüber schreiben (und tun es auch), bis hin zur Erstellung von "Psychogrammen" für jede Schrift. Auf die Unterschiede zwischen einer "venezianischen Renaissance-Antiqua" und einer "serifenbetonten Linear-Antiqua" kann ich hier aus Platzgründen nicht eingehen. Ein gutes Einfühlungsvermögen bei der Auswahl der Schrift sollte aber hinreichend sein. Ein Beispiel: Auf Seite 29 der Klubzeitung Nr. 35 wurde ein Brief abgedruckt, und weil es ein Brief war, in Schreibschrift. Soweit richtig gedacht, lieber Werner! Nur: der Inhalt dieses Briefes war, sagen wir, geharnischt. Wäre ich der Verfasser, hätte ich ihn niemals in einer so liebevollen Schreibschrift abgeschickt ­ aber selbst wenn, hätte er in einer dem Inhalt angemessenen "strengen" Schrift wiedergegeben werden müssen. Das soll keine Schelte sein. Eben nur ein Beispiel.
(Anmerkung der Redaktion: Besagter Brief lag uns handgeschrieben vor, daher lag es nahe den Brief in einer Schreibschrift wiederzugeben - eben auch ein stilistisches Mittel. Gruß: Werner.)

  Verschiedene Schriften können durchaus in einem Text vorkommen. Sie sollten sich jedoch im Bild hinreichend unterscheiden. Gern setzt man Überschriften aus einer anderen Schrift. Eine kurze Erläuterung: Ein großes I stellt man sich als senkrechten Strich vor. Oben und unten sind da aber noch kleine Querstriche oder Winkel, die bei fast keinem Großbuchstaben fehlen. Man nennt sie Serifen. Dagegen gibt es auch serifenlose Schriften, Beispiel: Sans serif (Name aus dem Französischen, "ohne Serife"). Solche können mit anderen meist gut kombiniert werden, wobei die sachlicher wirkende Serifenlose die Grundschrift sein sollte.

Auswahl der Schriftschnitte
  Nur die Schnitte "gewöhnlich" (und in manchen Schriftfamilien "leicht") sind Grundschriften. Alle anderen sind Hervorhebungsschriften! Oder hat schon mal jemand ein Werk ganz in Kursiv oder Fett gesehen? Als beste und eleganteste Hervorhebung gilt Kursiv. Fett (meist halbfett) wird für Überschriften bevorzugt. Das Sperren, d. h. die Buchstaben mit großen Zwischenräumen setzen, sollte vermieden werden, da es die Lesbarkeit erschwert.

  Aber, keine Regel ohne Ausnahme: "Old English" oder andere gebrochene Schriften dürfen nur in Grundschrift gesetzt werden, selbst wenn der Computer kursiv, fett usw. auch unterstützt. Dieses Verbot hat historische Gründe. Manche Zierschriften dagegen sollten in der Grundschrift kursiv gehalten sein.

  Ein Wort noch zur Old English: Hände weg davon, wenn man sich nicht das lange s zusätzlich zum Schluß-s selbst definiert hat (LocoChar) und man, selbst wenn das lange s zur Verfügung steht, nicht weiß, wann welches s gesetzt werden muß! In England wurde das lange s vor über 200 Jahren abgeschafft; in deutscher Fraktur ist es jedoch noch heute obligatorisch.
Anmerkung der Redaktion: Zur Gestaltung des 'langen s' für 'Old English' siehe Seite 33 der vorliegenden Klubzeitung. Ein Anleitung zu LocoChar findet sich in den Klubzeitungen 8 (Seite 33) und 10 (Seite 23).

  Daß Hervorhebungen jeder Art nur sinnvoll, sparsam usw. verwendet werden sollten, damit sie nicht in sich untergehen, dürfte wohl klar sein.

Linien, Schmuckelemente, Graphik
  Linien sind das einfachste und meist auch wirkungsvollste Element für die Gestaltung eines Textes. Aber Vorsicht: Vom optischen Eindruck her betrachtet, "fressen" sie meistens viel Platz, aber das kann auch gerade erwünscht sein. Zur optimalen Gestaltung eines Textes haben Linien, sinnvoll (ein)gesetzt, höchste Bedeutung. Kommen noch Graphik und Bilder hinzu, hat man alles, was das Herz begehrt. Doch nun neigen (nicht nur) Computerfreaks gern zur Übertreibung. Beispiel: jemand hat, sagen wir einmal, Micro Design; man kann damit auch Graphiken einblenden (toll, was?). Und stopft seinen Erguß mit allem Möglichen dieser Art voll und will eigentlich nur sagen: Schaut mal, was mein Computer (mein Programm, mein Drucker) alles kann! Darüber hinaus dürfte bekannt sein: ein Matrixdrucker taugt für hochauflösende Graphik nicht. Stört denn niemand die Streifen, die das Farbband beim Druck hinterläßt? Allenfalls hochwertige Laserdrucker sind für professionelle Graphikausdrucke geeignet. Mein Rat: Laßt es bleiben, wenn Ihr über solche nicht verfügt!

  Ich möchte es einmal mit folgendem kleinen Vergleich sagen. Man kann aus den raffiniertesten und teuersten Zutaten ein hervorragendes Essen zubereiten ­ oder auch das Gegenteil. Die französischen Köche jedoch sind dafür bekannt, aus einfachsten, aber erlesensten Ausgangsstoffen das zu zaubern, was heute eine der besten Küchen der Welt ausmacht. Mit unserem JOYCE-9-Nadel-Matrixdrucker können wir durchaus mit einfachen Mitteln Texte anspruchsvoll gestalten ­ oder mit einem Laserdrucker und MicroDesign eventuell nur Makro-Mist bauen. In diesem Sinne: wir sollten etwas mehr französische Köche sein, anstatt Pellkartoffeln mit Kaviar zu servieren (aber ich glaube, ich wiederhole mich).

  Mr. DangSoft (fetzig, fetzig, dieses Pseudonym!) fragte nach "den richtigen Proportionen" wie Goldener Schnitt und ähnlichem. Schlicht und ergreifend meine Antwort: die typografische Grundregel lautet: der optische Eindruck ist entscheidend, und dem hat sich das Lineal unterzuordnen. Die Behauptung, Gestaltungen und Formate im Goldenen Schnitt seien das A und O, ist ein Märchen; die Vielzahl von Publikationen in anderen Formaten beweisen das. Unsere DIN-Formate haben lediglich technisch-praktische Bedeutung: jedesmal, wenn ich einen DIN-Bogen quer falze, entsteht wieder ein DIN-Format. Aber warum soll ich mir nicht eine eher längliche Visitenkarte zulegen, wenn mein Name besonders lang ist? Der Text soll schließlich schön auf Mitte stehen.


  Trotz allem nötigen Fachwissen besteht Typographie eben überwiegend aus Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen. Mein Tip: Wenn Ihr etwas Schriftliches besonders gut gestalten wollt, druckt es aus, verbessert es, druckt es aus, verbessert es noch einmal ... das Ergebnis kann sich sicher sehen lassen! Ich hoffe, ich habe niemanden abgeschreckt, weiterhin Beiträge zur Klubzeitung zu schreiben, und lehne es auch strikt ab, irgendwelche Formvorschriften vorzuschlagen. An Werner und Richard: Macht weiter wie bisher, es paßt schon so!
Abgedruckt in Klubzeitung Nr. 36 ... Autor: Lothar Kordus